Katja hat es fast geschafft

Wenn man sich die Fotos von Katja anschaut, dann ist es sehr schwierig sich vorzustellen, dass vor 10 Jahren ihr Gesicht ganz anders aussah. Von alten Fotos blickt uns eine glücklich lächelnde und hübsche vierzehnjährige Teenagerin an. Das Unglück kam plötzlich. In der Pubertät beschwerte sich das Mädchen über unglaublich starke Kopfschmerzen, sie fiel immer wieder in Ohnmacht. Die Ärzte aus einer kleinen Provinzstadt zuckten die Achseln, sie konnten keine Diagnose stellen und deswegen schickten sie Katja in eine Klinik in Sankt-Petersburg. Nach einer langen Untersuchung stellte man die Diagnose: fibröse Dysplasie der Schädelbasisknochen. Es folgte die erste schmerzhafte Operation – eine Vene aus dem Schenkel wurde in den Hals transplantiert. Auch wenn es unglaublich klingt, die Behandlung wurde NICHT bis zum Schluss durchgeführt – wegen Geldmangel. Wie man viel später feststellte, wäre die Operation (selbst im Falle ihrer Vollendung) nicht notwendig und falsch. Das Ergebnis: Narben am Schenkel und am Hals und KEINE Erleichterung. Katja wurde nach Hause zurückgeschickt.

Die Versuche, Beratungen bei Spezialisten aus anderen Kliniken in Moskau bzw. in Sankt – Petersburg zu bekommen, scheiterten. Als die Ärzte die Diagnose lasen, die von einem in ganz Russland bekannten Spezialisten gestellt wurde, waren sie sich einig - ohne eine Untersuchung durchzuführen – dass man Katja in Russland nicht helfen könne.

In der Zeit verschlechterte sich die Gesundheit des Mädchens gravierend. Die Krankheit hinterließ immer mehr Spuren auf dem Körper. Doch nicht mal das war das schlimmste. Die Kopfschmerzen waren nicht mehr auszuhalten. Bei Katja kam es zu epileptischen Anfällen. Das Leben des Mädchens veränderte sich radikal. In der Schule wurde Katja wegen ihres entstellten Gesichts auf grausamste Art ausgelacht und gehänselt. Die Mitschüler und Nachbarkinder hörten auf mit ihr zu reden. Das Mädchen wurde verschlossen, das Haus  verlassen zu müssen wurde für sie zu einer Qual. Ihr ganzer Freundeskreis waren ihre Verwandten und die Haustiere. Das Leben außerhalb des Hauses hörte auf.

Keiner weiß, was das für ein Ende genommen hätte. Doch als Katjas Eltern sahen, wie das Leben ihrer Tochter langsam erlosch, schritten sie zur Tat. Sie fanden selbständig Kontakte zu Kliniken in Deutschland, verkauften alle einigermaßen wertvollen Sachen und fuhren zur Untersuchung in die Münchener Klinik. Die Diagnose der deutschen Spezialisten rief Wut hervor – die Diagnose der russischen Spezialisten war FALSCH. Die deutschen Ärzte stellten fest, dass bei Katja die Venen, die den Blutfluss aus dem Gehirn regelten, zu eng waren. Bei rechtzeitiger Behandlung hätte man das Problem ohne große Folgen beheben können, indem man in die Vene  Stents (Gefäßstützen) eingebracht hätte. Doch seit dem Beginn von Katjas Krankheit waren nun schon 8 Jahre vergangen. In dieser Zeit fand das Blut (da es keine Möglichkeit einer normalen Zirkulation hatte) einen Umweg durch die kleinen Blutgefäße des Gehirns, wobei es einen unmenschlichen Schmerz, Anfälle und immer deutlichere Zeichen auf dem Gesicht des Mädchens hinterließ. Und nun musste Katja sich auf eine langwierige Behandlung einstellen: Operationen zur Richtigstellung der Stents, Schließung der Gehirnblutgefäße, um das Blut in die richtige Bahn zu lenken. Doch die Familie hatte kein Geld für so eine teure Behandlung. Und wie soll man in einem fremden Land eine Klinik finden, wo Spezialisten arbeiten, die dem Mädchen wirklich helfen können? Die Situation war aussichtslos.

Doch da bekamen die Eltern Hilfe – von der Organisation „Ein Recht auf Leben“ in Deutschland. Nach langer Suche gelang es den Mitarbeitern der Organisation sich mit dem Professor Henkes in Verbindung zu treten, einem Arzt, der eine riesige Erfahrung auf diesem Gebiet hatte. Nachdem er die medizinischen Unterlagen des Mädchens studiert hatte, benachrichtigte er Katia, dass man sie in seiner Klinik in Stuttgart aufnehmen würde. Doch es fehlte Geld.

Es ist wesentlich einfacher, Geld für ein Kind, das dich mit großen, hoffnungsvollen Augen ansieht, zu sammeln, als für ein Mädchen, dessen Gesicht einen regelrecht abschreckt. Der für den Operationsbeginn (66000 €) notwendige Betrag wurde mit Hilfe von mehreren Hilfsorganisationen, Zeitungen und Eltern mehr als ein Jahr gesammelt.

Doch endlich ist es da, das lang ersehnte Treffen im Flughafen von Stuttgart. Katja ist in Deutschland. Ich werde nie ihren Blick vergessen, ihr Versuch, in den Augen der Passanten Abschreckung zu sehen oder gar offene Verachtung. Doch – in Deutschland sah Katja nichts dergleichen. Und das gab ihr neue Hoffnung. In der Klinik wurde das Mädchen freundlich vom Personal begrüßt. Während des Vorbereitungsgespräches erzählte Professor Henkes dem Mädchen, dass die Behandlung sehr langwierig sein werde, doch nach ihrer Beendigung wird Katja sich an ihre Krankheit wie an einen schlimmen Albtraum erinnern. Alles würde verschwinden: Die Anfälle, die Kopfschmerzen, die Narben im Gesicht. Das erfreute Katja so sehr, dass sie zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder vom ganzen Herzen lächelte, sie redete viel und plante ein neues Leben. Während der zwei Wochen, in denen sich Katja in Deutschland aufhielt, wurde sie vier Mal operiert. Professor Henkes gelang Unglaubliches – ein Stent wurde in die Vene rechts eingefügt und der Großteil der Gefäße des Gehirns wurde geschlossen. Der Professor verkündete, dass wenn die Behandlung weiter hinausgeschoben würde, käme es bei Katja höchstwahrscheinlich zu einem Insult. Katja wurde vorerst aus der Klinik entlassen, wobei man ihr mitteilte, dass sie in zwei-drei Monaten zur Weiterführung der Behandlung erwarte. Die neue Rechnung wäre wiederum 66000 €. Doch ein Monat ist schon vorbei und die Familie hat nur 10000 €. Und wieder schwindet die Hoffnung auf ein neues, gesundes Leben – man hat wieder kein Geld für die Behandlung.

In Katjas Familie sind fast alle begabte Maler. Die Arbeiten von dem Vater und dem großen Bruder kann man auf ihren Websites sehen. Viele sehr schöne Bilder. Auch Katja malt trotz ihrer Krankheit. Leider hat die Familie nicht die finanziellen Möglichkeiten, eine Ausstellung in Moskau zu veranstalten, wo man die Bilder zum hohen Preis verkaufen könnte. Und in der Provinz kann man die Bilder nur zu sehr niedrigen Preisen verkaufen.

Katja ist ein liebes, hilfsbereites und sensibles Mädchen. In einem Interview für eine  Zeitung sagte sie: “Ich führe jetzt nur noch Freundschaft mit Katzen und Hunden. Ihnen ist es egal, wie ich aussehe. Sie lachen dich nicht aus. Sie lieben dich so, wie du bist. Sie verraten dich nicht. Ich denke sehr oft darüber nach, dass der Tod besser ist, als diese physischen und die moralischen Qualen zu erleben. Ich weiß, dass meine Verwandten anders denken, doch mein Tod würde sie von einer großen Last befreien – von mir.“

Die Qualen des Mädchens sind FÜRCHTERLICH, doch man kann ihr helfen. Sie kann wieder ein NORMALES Leben führen und der Preis dafür sind 66000 €.