"Hauptsache - ich konnte dir helfen!"

21.07.2010 Das Geld für die Knochenmarktransplantationwurde gesammelt. Das Kind mit seiner Mutter kommt in den nächsten Tagen nach Deutschland. Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen, die diese Familie unterstützt haben!  Die Spendesammlung ist beendet.

Man hält Tränen zurück, wenn man über Gleb erzählt. Man schämt sich der eigenen Tränen, denn das erste Mal, wenn der neunjährige Junge, der mit wechselndem Erfolg seit 5,5 Jahren gegen Krebs behandelt wird, selbst geweint hat, passierte erst vor einigen Tagen, und diese Tränen hatten einen gewichtigen Grund. Morgens bei der Visite teilten ihm die Ärzte mit, heute spräche endlich nichts mehr gegen seine Entlassung in Richtung nach Hause. Einige Stunden später wurde Gleb beim Tasche packen unterbrochen:

- Kleiner, du bleibst noch etwas hier, im Krankenhaus.

Da weinte er das erste Mal, seit er sich erinnern kann. Es war die Ungerechtigkeit, die schlimmer als der körperliche Schmerz traf. Ungerechtigkeit einer gegebenen und wieder genommenen Hoffnung.

Die Diagnose Blutkrebs wurde bei Gleb erstmals im Alter von 3,5 Jahren festgestellt. Damals, nach einer Reihe von schwer ertragbaren aber rettenden Chemotherapien, schaffte er es eine standhafte Remission zu erreichen, die vier Jahre lang dauerte. Dann kam die Krankheit zurück. Und wieder war Glebs Kampf gegen die Leukose erfolgreich. Im Frühjahr 2010 wurde bei Gleb das zweite Rezidiv diagnostiziert. In ihren Augen ist die Liebe unendlich, wenn Glebs Mutter über ihren Jungen spricht. Liebe und Respekt.

"Er ist unser positiver Philosoph. Er ist es, der mich beruhigt, geduldig zu sein bittet - nicht selbstmitleidig, nicht beleidigt auf Jemanden. Er mich - und nicht ungekehrt. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mit einem Kind rede: bei Gleb sind es tiefgründige Gedanke eines Erwachsenen, ebenso wie vernunftmäßig seine Taten sind und sanftmütig die Akzeptanz all diesen, was auf ihn zukommt." Familie Tatarnikov hat zwei Söhne. Dem älteren Jungen, der von Geburt an sehbehindert ist, wurde aus medizinischer Sicht vor mehreren Jahren höchstens Hausunterricht und später Heimarbeit „garantiert“. Heute studiert der junge Mann im letzten Semester am öffentlichen Institut und hat weitgehende Zukunftspläne. Seine Eltern haben alles ihnen Mögliche dafür geleistet, damit diese Zukunft für ihren älteren Sohn zur Realität wird. Nachdem sie ihren Großen aus schwerer Krankheit herausgezogen hatten, erkrankte plötzlich ihr Jüngerer – Gleb. Aufwachsend in einer gläubigen Familie, in der Traditionen hoch geschätzt werden, besucht Gleb gerne die kirchliche Sonntagsschule,
singt dort und malt, beschäftigt sich mit Geschichte der Technik, interessiert sich für den Beruf Militärarzt. Er lernt vertieft Geschichte und für die Zukunft glaubt fest daran, dass er alle seine Pläne realisieren wird. Gleb ist ein positiver Philosoph, aber auch ein kleiner Junge, der seiner Mutter oft wiederholt: „Bitte entferne dich nicht weit von mir, nicht mal in Gedanken. Niemals, ich bitte dich. Ich schaffe es nicht ohne dich“. Im Krankenhaus versucht Gleb seinen Alltag so zu strukturieren, damit er dem „normalen“ Leben maximal ähnlich wird. Jeden Morgen macht der Junge sein Krankenhausbett zurecht, setzt sich an seinen kleinen Schreibtisch, der immer mit ihm mitzieht - von Zuhause in die Klinik und wieder zurück, und fängt an sich mit seinen Wichtigsten Sachen zu beschäftigen. Gleb versetzt nicht nur ihm fremde Menschen in Bewunderung, auch seine Eltern bekommen von ihm, wie sie es beschreiben, ständig „einfachen aber lebenswichtigen Unterricht der Güte“. Der neunjährige Mann beginnt nie als Erster am Tisch mit dem Mahl, nimmt sich nicht das verlockendste Stück Essen, ohne ihn zu teilen. Das Schlucken der bitteren Medizin fällt ihm nicht immer leicht, aber da sein Quengeln Mama bestimmt traurig zu machen würde, quengelt Gleb nicht… Er macht einfach, was nicht zu umgehen ist, denn Tränen helfen da ja auch nicht heraus. „In jedem Tag steckt etwas, was richtig freuen kann“, sagt kleiner Patient der Onkologiefürsorgestelle. Fast jeder Tag Glebs im Krankenhaus bringt auch Leid mit sich – die Behandlung ist schwer ertragbar, zerrt an den Kräften. Auch wenn die Therapie bei Gleb nicht, wie es oft der Fall ist, zu Depression oder Aggressionen führt, gut geht es dem Jungen nicht. Er erlitt ein zweites Rezidiv – erneuten Rückfall der Leukämie. Es heißt, jeder Rückfall ist ein Sieg für den feindlichen Blutkrebs, der die Chancen des Erkrankten in diesem Überlebenskampf senkt. Aber wer kann die Chancen des einen bestimmten Kriegers auszählen? Wer kann mit Bestimmtheit sagen, ob Gleb zu den Tausenden von Erwachsenen zählen wird, die im Kindesalter Krebs besiegten und heute ein gesundes Leben führen, oder ob er nicht zu denen zählen wird? Gleb wird in einer der weltweit besten Kliniken für Leukämiebehandlung erwartet, in der ihm der lebensnotwendige operative Eingriff durchgeführt werden soll – die Knochenmarktransplantation.

Die Kosten für die auf die OP vorbereitende Therapie, die Operation selbst und die postoperative Rehabilitation betragen 194 059,36 €. Diese Summe ist für die Tatarnikovs – eine russische Familie mit Durchschnittseinkommen, in der ein Verdiener – die Mutter – durch aktuelle Umstände gezwungen war die Arbeitsstelle zu verlassen – schlicht irreal.

P.S.: Gleb bekam ein Brettspiel geschenkt. Spielfiguren, Chips, Züge und Spielzeuggeld. Er spielt mit Mama an seinem treuen kleinen Schreibtisch im abendlichen Krankenhauszimmer, und kann, so wie es aussieht, gleich zum Gewinner ernannt werden, denn die Chips der Mutter sind bereits alle aus dem Spiel ausgeschieden. Da gibt Gleb ihr alle Chips, die auf seiner Seite des Brettes noch übrig geblieben sind.


- Gleb, warum? Der Sinn des Spiels ist darin, dass einer gewinnt!
- Das ist nicht wichtig. Hauptsache ist, ich konnte dir aus der Not
helfen.


Was glauben Sie, haben wir alle zusammen Barmherzigkeit genug, um Gleb aus der Not helfen zu können?